Blood Brothers Mother – Eduardo Rissos Western in Aquarell
Der Western von Brian Azzarello und Eduardo Risso ist auf Deutsch bei Schreiber & Leser erschienen. Risso malt die mehr als 200 Seiten in Aquarell statt mit den schweren Schwarzflächen, für die er aus „100 Bullets“ bekannt ist.


Brian Azzarello und Eduardo Risso kennen wir als Team vor allem durch 100 Bullets. In Blood Brothers Mother treffen sie sich wieder – und trotzdem sieht dieses Buch aus wie kaum etwas, das Risso zuvor gezeichnet hat. Statt großer schwarzer Flächen malt er mehr als 200 Seiten mit Aquarellfarben. Das Ergebnis ist ein Western, der gleichzeitig wunderschön und ausgesprochen brutal sein kann.
Wir haben Blood Brothers Mother auch ausführlich im Podcast besprochen. In Hunting Down Comics #147 sprechen Daniel und Helge über die Geschichte, Eduardo Rissos Zeichnungen und darüber, warum dieser Band besonders visuell so hängenbleibt.

Blood Brothers Mother
Brian Azzarello · Eduardo Risso
Schreiber & Leser · Hardcover · 224 Seiten · farbig
ISBN 978-3-96582-244-3 · 34,80 €
Blood Brothers Mother – ein moderner Western, der vor allem über seine Bilder trifft

Brian Azzarello und Eduardo Risso kennen wir als Team vor allem aus 100 Bullets. Bei Blood Brothers Mother wirkt die Zusammenarbeit trotzdem überraschend frisch. Schon die Grundidee klingt zunächst vertraut: Ein Mann kommt aus dem Gefängnis, sucht seine frühere Liebe wieder und findet sie in einem anderen Leben vor. Doch Azzarello dreht den Blickwinkel bald weg von der erwartbaren Hauptfigur. Dadurch verschiebt sich die Geschichte und entwickelt sich deutlich weniger klassisch, als es der Einstieg vermuten lässt.
Der eigentliche Star des Bandes ist für mich aber Eduardo Risso. Statt der dunklen, schweren Schwarzflächen, mit denen man ihn oft verbindet, arbeitet er hier mit Aquarellfarben. Das verändert die Wirkung komplett. Nachts dominieren violette und blaue Töne, tagsüber Gold, Gelb und Rot. Diese Farben tragen einen großen Teil der Stimmung und erzählen stellenweise fast mehr als der Text. Manche Seiten funktionieren so stark über Perspektive, Licht und Farbe, dass man sie auch ohne Dialoge verstehen und fühlen könnte.
Dabei ist Blood Brothers Mother kein romantisierter Western. Die Welt ist brutal, Tod und Gewalt gehören selbstverständlich dazu, und auch Kinder werden mit dieser Härte konfrontiert. Trotzdem bleibt das Buch nicht permanent schwer. Azzarello findet immer wieder Momente, in denen sich die Geschichte öffnet, bevor sie erneut zuschlägt. Gerade dieser Wechsel sorgt dafür, dass der Band nicht in reiner Düsternis stecken bleibt.
Spannend ist auch, dass die Aquarellarbeit nicht auf jeder Seite gleich aufwendig wirkt. Manche Bilder sind extrem fein und detailliert, andere deutlich reduzierter. Bei mehr als 200 Seiten handgemalter Farbseiten ist das nachvollziehbar – und stört den Gesamteindruck kaum. Im Gegenteil: Die stärksten Seiten bleiben umso deutlicher hängen.
Mein einziger echter Kritikpunkt ist die Schreibschrift, in der Teile des inneren Monologs gesetzt sind. An manchen Stellen bremst sie den Lesefluss etwas aus.
Schon vor dem Ende der Lektüre war mein Eindruck ungewöhnlich stark: Blood Brothers Mother ist ein moderner Western, der sich nicht staubtrocken anfühlt, sondern unmittelbar, rau und emotional. Vor allem Rissos Aquarellarbeit macht den Band zu etwas Besonderem. Für mich bislang eines der stärksten Comics des Jahres 2026.
Keine digitale Farbe: Risso malt die Seiten tatsächlich

Das Bemerkenswerte daran: Risso zeichnet nicht zunächst seinen klassischen Comic und lässt ihn anschließend kolorieren. Er malt die Seiten selbst. In einem Interview mit DSTLRY erklärte Risso, dass er nach vielen Jahren das Bedürfnis verspürt habe, etwas anderes auszuprobieren. Für Blood Brothers Mother griff er zu flüssiger Aquarellfarbe, die er bereits Jahre zuvor auf einer Reise nach Spanien gekauft hatte.
Die Farbe entsteht damit direkt auf dem Papier. Transparente Flächen überlagern sich, Übergänge bleiben sichtbar, und die Intensität einer Szene ergibt sich nicht erst am Computer, sondern bereits bei der eigentlichen Zeichenarbeit.
Was früher Schwarz war, ist jetzt Farbe

Gerade wenn man Risso aus 100 Bullets kennt, fällt auf, wie grundlegend sich die Wirkung verändert. Risso gehört zu den Zeichnern, die mit Schwarz ganze Räume bauen können. Figuren verschwinden in Schattenflächen, Gesichter entstehen aus wenigen Linien, und eine Silhouette kann mehr erzählen als ein detaillierter Hintergrund.
Diese Fähigkeit ist in Blood Brothers Mother nicht verschwunden. Aber Risso löst dieselben Probleme anders: Statt einer schwarzen Fläche steht dort plötzlich ein tiefes Blau. Statt eines harten Hell-Dunkel-Kontrasts treffen gelbes Licht und violetter Schatten aufeinander. Figuren werden über Farbtemperatur voneinander getrennt, Landschaften durch transparente Farbschichten in die Tiefe gestaffelt.
Risso arbeitet nahezu im Maßstab 1:1

Auch technisch unterscheidet sich Blood Brothers Mother von vielen klassischen US-Comics. Üblicherweise entstehen amerikanische Comicseiten größer als ihr späteres Druckformat und werden anschließend verkleinert. Das größere Format der ursprünglichen DSTLRY-Ausgabe erlaubte Risso dagegen nach eigener Aussage, nahezu im Maßstab 1:1 zu arbeiten.
Bei einem vollständig handgemalten Comic ist das mehr als eine Randnotiz. Pinselstriche, Farbflächen, Übergänge und Details entstehen bereits in einer Dimension, die der späteren Wahrnehmung der Leserinnen und Leser sehr nahekommt.
Schönheit und Gewalt

Besonders stark ist der Widerspruch zwischen Material und Geschichte. Aquarell wirkt weich, transparent und stellenweise beinahe poetisch. Die Welt, die Azzarello und Risso damit erzählen, ist es nicht.
Die Schönheit einzelner Bilder macht die Gewalt nicht harmloser. Sie sorgt vielmehr dafür, dass der Bruch umso stärker wirkt, wenn die Geschichte erneut zuschlägt. Gerade darin liegt für mich ein großer Teil der Wirkung dieses Comics.
Nicht jede Seite ist gleich aufwendig – und das ist völlig in Ordnung

Manche Bilder sind extrem fein und detailliert, andere deutlich reduzierter. Hintergründe verschwinden teilweise fast vollständig, während Risso an anderer Stelle Landschaften, Gesichter oder Licht mit großer Sorgfalt ausarbeitet. Bei über 200 Seiten handgemalter Farbe ist das nachvollziehbar – und im fertigen Band wird daraus fast ein Rhythmus zwischen Ruhe und Verdichtung.
Selbst Brian Azzarello war überrascht

Dass Risso diesen Weg einschlagen würde, wusste anfangs offenbar nicht einmal sein langjähriger Autorenpartner. Azzarello erzählte in einem Interview mit The Beat, dass er die ersten Seiten kurz vor einer gemeinsamen Veranstaltung erhielt und Schwarz-Weiß-Zeichnungen erwartete. Stattdessen bekam er vollständig gemalte Seiten.
Die Überraschung hatte Folgen für die Zusammenarbeit: Wenn Risso einen Western auf diese Weise malt, bekommen Landschaften, Himmel, Licht und offene Räume plötzlich eine zusätzliche erzählerische Bedeutung.
Eine Zusammenarbeit mit viel Freiheit

Azzarello und Risso arbeiten seit Jahrzehnten miteinander. Ihr gemeinsamer Prozess wirkt entsprechend eingespielt: Azzarello liefert das Skript, Risso setzt es um und besitzt dabei die Freiheit, Dinge zeichnerisch anders zu lösen, wenn das Bild dadurch besser funktioniert. Nach Projekten wie 100 Bullets, Batman: Broken City, Spaceman oder Moonshine ist dieses gegenseitige Vertrauen deutlich spürbar.
2025 gab es dafür den Eisner Award
Bei den Will Eisner Comic Industry Awards 2025 wurde Eduardo Risso für The Blood Brothers Mother als Best Painter/Multimedia Artist (Interior Art) ausgezeichnet. Gerade bei diesem Comic passt diese Kategorie: Die Malerei ist keine zusätzliche Schicht über der Zeichnung, sondern ein wesentlicher Teil der Erzählung.
Die deutsche Ausgabe von Schreiber & Leser
Die deutsche Ausgabe bei Schreiber & Leser erschien im September 2026 als farbiges Hardcover mit 224 Seiten. Gerade bei diesem Comic ist die gedruckte Ausgabe mehr als nur Transportmittel für die Geschichte: Rissos Farben, transparente Übergänge und große Landschaftsbilder profitieren davon, auf Papier und in einem großzügigen Format gesehen zu werden.

Blood Brothers Mother
Brian Azzarello · Eduardo Risso
Schreiber & Leser · Hardcover · 224 Seiten · farbig
ISBN 978-3-96582-244-3 · 34,80 €
Weiterführende Links
- DSTLRY – Eduardo Risso über die Arbeit an Blood Brothers Mother
- The Beat – Brian Azzarello über die Zusammenarbeit mit Eduardo Risso
- DSTLRY – Eduardo Rissos Eisner Award 2025
Bibliografische Angaben: Blood Brothers Mother · Szenario: Brian Azzarello · Zeichnung und Farbe: Eduardo Risso · deutsche Ausgabe: Schreiber & Leser · September 2026 · Hardcover · 224 Seiten · farbig · ISBN 978-3-96582-244-3.
Bildnachweis: © Eduardo Risso / Brian Azzarello / DSTLRY; deutsche Ausgabe und bereitgestelltes Bildmaterial © Schreiber & Leser. Podcastcover © Hunting Down Comics / ComicReview.

Das vollständige Cover
Oben wird das Motiv als breiter Ausschnitt gezeigt. Hier siehst du das Cover noch einmal vollständig und unbeschnitten.
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